Jolanta Ułasiewicz ist die Witwe von Andrzej Ułasiewicz, dem Kapitän der polnischen Fähre „Jan Heweliusz“, die am 14. Januar 1993 in der Ostsee sank. Nach dem Tod ihres Mannes kämpfte sie jahrelang darum, dass seine Verantwortung für das Unglück differenziert beurteilt wird. Gemeinsam mit ihrer Tochter Agnieszka musste sie nicht nur den Verlust eines Familienmitglieds bewältigen, sondern auch öffentliche Vorwürfe und langwierige Untersuchungen. Die Netflix-Miniserie „Heweliusz“ aus dem Jahr 2025 erzählt Teile dieser Geschichte. Besonders aufschlussreich sind jedoch die persönlichen Erinnerungen, die Jolanta Ułasiewicz später in polnischen Interviews und einem Radiopodcast teilte.
Wer ist Jolanta Ułasiewicz?
Jolanta Ułasiewicz stammt aus der südostpolnischen Stadt Mielec. Dort verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend, bevor sie nach Warschau zog. Nach einem Bericht des regionalen Nachrichtenportals Hej Mielec verließ sie ihre Heimatstadt zum Studium.
In Warschau studierte sie an der damaligen Szkoła Główna Planowania i Statystyki (SGPiS), der heutigen Wirtschaftsuniversität SGH. Dort lernte sie in den 1970er-Jahren ihren späteren Ehemann Andrzej Ułasiewicz kennen.
Ihre Begegnung fand im Herbst 1974 im familiären Umfeld statt. Andrzej arbeitete bereits als Seemann und war häufig monatelang unterwegs. Aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine Beziehung; etwa zwei Jahre später heirateten die beiden.
Der Beruf ihres Mannes prägte ihren gemeinsamen Alltag. Lange Reisen, Trennungen und Wiedersehen gehörten zum Familienleben. Teilweise begleitete Jolanta ihren Mann auf Seereisen, unter anderem nach Asien und Afrika.
Später wurde ihre Tochter Agnieszka geboren.
Jolanta Ułasiewicz im Überblick
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Name | Jolanta Ułasiewicz |
| Herkunft | Mielec, Polen |
| Studium | SGPiS in Warschau |
| Erster Ehemann | Andrzej Ułasiewicz |
| Tochter | Agnieszka Ułasiewicz, heute Agnieszka Chojka |
| Historischer Bezug | Untergang der Fähre „Jan Heweliusz“ |
| Bekannt durch | Einsatz für das Andenken ihres Mannes und ihre öffentlichen Erinnerungen |
| Darstellung in der Netflix-Serie | Magdalena Różczka |
Die Katastrophe der „Jan Heweliusz“ am 14. Januar 1993
In der Nacht vom 13. auf den 14. Januar 1993 war die Fähre „Jan Heweliusz“ auf dem Weg vom polnischen Świnoujście ins schwedische Ystad. Das Schiff geriet in einen schweren Sturm auf der Ostsee.
Der Wind erreichte Orkanstärke. Die Fähre bekam zunehmend Schlagseite, verlor ihre Stabilität und kenterte nahe der deutschen Insel Rügen.
Das Schiff hatte bereits vor seiner letzten Fahrt technische Probleme. Besonders die beschädigte und nicht ordnungsgemäß reparierte Heckklappe spielte in den späteren Untersuchungen eine Rolle.
Der Kapitän Andrzej Ułasiewicz versuchte mit seiner Besatzung, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Er gab einen Notruf ab und blieb bis zum Ende auf der Kommandobrücke.
Nach einer Veröffentlichung der polnischen Nachrichtenagentur PAP vom 14. Januar 2026 kamen bei dem Unglück 56 Menschen ums Leben, darunter 20 Besatzungsmitglieder und 36 Passagiere. Neun Besatzungsmitglieder überlebten. In älteren Veröffentlichungen wurde die Zahl der Todesopfer meist mit 55 angegeben.
Die Katastrophe zählt zu den schwersten Unglücken der polnischen Schifffahrt in Friedenszeiten.
Wie Jolanta Ułasiewicz vom Tod ihres Mannes erfuhr
Am Morgen des 14. Januar erhielt Jolanta die Nachricht vom Untergang der Fähre.
In ihren späteren Erinnerungen erklärte sie, dass sie kaum Hoffnung gehabt habe, ihren Mann unter den Überlebenden zu finden. Sie kannte seine Haltung zur Verantwortung eines Kapitäns: Andrzej hatte schon früher deutlich gemacht, dass er ein sinkendes Schiff nicht einfach verlassen würde.
Seine sterblichen Überreste wurden erst Wochen nach der Katastrophe gefunden.
Für die Familie begann damit eine schwierige Zeit, die weit über die unmittelbare Trauer hinausging.
Warum Jolanta Ułasiewicz für den Ruf ihres Mannes kämpfte
Nach dem Unglück wurden Untersuchungen eingeleitet, um die Ursachen des Fährunglücks und mögliche Verantwortlichkeiten zu klären.
Dabei geriet auch Kapitän Andrzej Ułasiewicz in die Kritik.
Jolanta Ułasiewicz wollte verhindern, dass ihr verstorbener Mann allein für eine Katastrophe verantwortlich gemacht wurde, bei der technische Mängel, die Wetterbedingungen und organisatorische Entscheidungen zusammenwirkten.
Im November 2025 erinnerte sie sich gegenüber dem Polnischen Rundfunk an eine Begegnung mit einem Vertreter der Schifffahrtsverwaltung. Dieser habe ihr gesagt:
„Kozioł ofiarny musi być“ – es müsse einen Sündenbock geben.
Für sie war dieser Satz besonders belastend. Trotzdem beteiligte sie sich an den Verfahren vor den polnischen Seeämtern, den sogenannten Izby Morskie.
Sie wollte, dass die Entscheidungen ihres Mannes und die Umstände seiner letzten Fahrt sorgfältig geprüft werden.
Was die Untersuchungen tatsächlich ergaben
Die Untersuchung des Untergangs war komplizierter, als die Vorstellung eines einzigen Schuldigen vermuten lässt.
1994 wurde eine erste Entscheidung der zuständigen Seeinstanz erlassen, später jedoch aufgehoben. In einem weiteren Verfahren wurden Verantwortlichkeiten sowohl bei Besatzungsmitgliedern als auch beim Betreiber der Fähre festgestellt.
Die Entscheidung der Seeberufungskammer vom Januar 1999 berücksichtigte unter anderem technische Mängel des Schiffes, Versäumnisse des Betreibers, Handlungen der Besatzung und Probleme bei der Koordinierung der Rettungsmaßnahmen.
Ein weiterer wichtiger Schritt folgte am 3. März 2005.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied im Verfahren Brudnicka und andere gegen Polen (Beschwerde Nr. 54723/00), dass die betreffenden polnischen Seeinstanzen nicht die erforderlichen Garantien der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit boten.
Dieses Urteil war keine abschließende Entscheidung über die persönliche Schuld oder Unschuld des Kapitäns. Es betraf die Fairness der Verfahren. Jolanta Ułasiewicz gehörte nicht zu den im Straßburger Urteil namentlich genannten Beschwerdeführern.
Diese Unterscheidung ist wesentlich, um den historischen Rechtsstreit richtig einzuordnen.
Das Familienleben nach dem Unglück
Jolanta Ułasiewicz musste ihre Tochter Agnieszka nach dem Verlust ihres Vaters begleiten. Das Mädchen war zum Zeitpunkt des Unglücks erst 13 Jahre alt.
In einem Interviewprojekt des Polnischen Rundfunks beschrieben Mutter und Tochter, wie sie sich gegenseitig vor ihrer Trauer zu schützen versuchten.
Beide wollten für die jeweils andere stark bleiben. Dadurch sprachen sie lange Zeit nicht offen über alle ihre Gefühle.
Neben dem persönlichen Verlust gab es weitere Belastungen.
Die Familie erhielt nach eigenen Angaben anonyme Telefonanrufe. Manche Anrufer spielten Lieder mit Bezug zur Seefahrt ab, andere versuchten sogar, Geld zu erschleichen.
Auch die öffentliche Diskussion über die Verantwortung des Kapitäns war für seine Angehörigen schwer zu ertragen.
Die Erinnerungsstücke an Andrzej Ułasiewicz
Mehr als drei Jahrzehnte später spielen persönliche Gegenstände des Kapitäns weiterhin eine wichtige Rolle in der Familie.
Bei einem Besuch für den Podcast des Polnischen Rundfunks berichteten Jolanta und Agnieszka von Fotografien, Erinnerungsstücken gemeinsamer Reisen und Möbeln, die Andrzej selbst angefertigt hatte.
Holzarbeiten gehörten zu seinen Hobbys. Er besaß eine kleine Werkstatt und fertigte unter anderem Schränke an.
Solche Erinnerungen zeichnen ein anderes Bild des Kapitäns als die Berichte über sein letztes Kommando: das eines Ehemanns und Vaters mit handwerklichen Interessen, Freude an Musik und einer engen Bindung an seine Familie.
Einige Monate nach dem Unglück unternahmen Jolanta und ihre Tochter eine Fahrt auf der Strecke von Świnoujście nach Ystad. Sie warfen einen Kranz ins Meer, um Andrzej Ułasiewicz und der anderen Opfer zu gedenken.
Jolanta Ułasiewicz in der Netflix-Serie „Heweliusz“
Am 5. November 2025 erschien die fünfteilige polnische Miniserie „Heweliusz“ auf Netflix.
Regie führte Jan Holoubek, das Drehbuch schrieb Kasper Bajon.
Die Serie verbindet den dramatischen Untergang der Fähre mit den Folgen für die Familien der Verstorbenen und dem Streit über die Verantwortlichkeit.
Zwei Rollen sind für die Geschichte besonders wichtig:
- Magdalena Różczka verkörpert Jolanta Ułasiewicz.
- Borys Szyc spielt ihren Ehemann, Kapitän Andrzej Ułasiewicz.
Die Schauspieler beschäftigten sich intensiv mit den historischen Personen.
Borys Szyc erklärte in einem Interview mit der polnischen Nachrichtenagentur PAP, dass er unter anderem private Filmaufnahmen, Fotografien und Dokumente des Kapitäns genutzt habe.
Magdalena Różczka traf Jolanta Ułasiewicz persönlich, bevor sie ihre Rolle gestaltete. Netflix veröffentlichte dazu auch einen Beitrag über die Vorbereitung der Schauspielerin.
Trotz der sorgfältigen Recherche bleibt „Heweliusz“ eine dramatisierte Fernsehserie und keine dokumentarische Rekonstruktion sämtlicher Ereignisse. Einzelne Dialoge und Handlungsabläufe dürfen daher nicht automatisch als historische Tatsachen verstanden werden.
Jolanta Ułasiewicz erzählt ihre Geschichte selbst
Eine besonders wichtige Quelle ist der Podcast „12 000 dni: katastrofa promu Jan Heweliusz“, den der polnische Radiosender Trójka 2025 veröffentlichte.
Die vierte Folge trägt den Titel „A On nadal jest“ und erschien am 26. November 2025.
Jolanta Ułasiewicz und ihre Tochter Agnieszka Chojka berichten darin über die ersten Tage nach dem Untergang, ihre Erfahrungen mit den Ermittlungen und die langfristigen Folgen der Katastrophe für ihre Familie.
Anders als in einer fiktionalen Fernsehproduktion kommen hier die unmittelbar Betroffenen selbst zu Wort.
Die etwa 38 Minuten lange Episode kann über die Podcastseite des Polnischen Rundfunks angehört werden.
Häufig gestellte Fragen
War Jolanta Ułasiewicz selbst an Bord der „Jan Heweliusz“?
Nein. Sie befand sich während der Unglücksfahrt nicht an Bord. Ihr Ehemann Andrzej Ułasiewicz führte die Fähre als Kapitän und starb beim Untergang am 14. Januar 1993.
Wie alt war ihre Tochter Agnieszka beim Unglück?
Agnieszka war 13 Jahre alt, als ihr Vater starb. Später sprach sie unter ihrem Namen Agnieszka Chojka gemeinsam mit ihrer Mutter im Polnischen Rundfunk über die Tragödie.
Hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Kapitän Ułasiewicz rehabilitiert?
Nein. Das Urteil von 2005 stellte einen Verstoß gegen das Recht auf ein unabhängiges und unparteiisches Verfahren fest. Der Gerichtshof entschied nicht abschließend über die nautische Verantwortung des Kapitäns.
Hat Jolanta Ułasiewicz an der Netflix-Serie mitgewirkt?
Sie gehörte nicht zur Schauspielbesetzung. Magdalena Różczka, die sie in der Serie darstellt, traf sie jedoch persönlich und nutzte ihre Erinnerungen zur Vorbereitung auf die Rolle.
Fazit
Jolanta Ułasiewicz ist mehr als eine historische Nebenfigur der Katastrophe der „Jan Heweliusz“. Ihre Geschichte verbindet das Leben einer Seemannsfamilie mit einem der schwersten Unglücke der polnischen Schifffahrt.
Ihr Einsatz für eine faire Beurteilung der Verantwortung ihres Mannes und ihre späteren Gespräche mit dem Polnischen Rundfunk ergänzen das historische Bild um eine persönliche Perspektive. Gerade im Vergleich zur Netflix-Dramatisierung helfen diese Erinnerungen, zwischen familiären Erfahrungen, amtlichen Entscheidungen und künstlerischer Darstellung zu unterscheiden.
Źródła
- Polskie Radio 24 – Wdowa po kapitanie Heweliusza mówi, co przeżyła rodzina, 27. November 2025.
- Polskie Radio – „12 000 dni: katastrofa promu Jan Heweliusz“, Folge 4: „A On nadal jest“, 26. November 2025.
- Polska Agencja Prasowa – 33. Jahrestag der Katastrophe der „Jan Heweliusz“, 14. Januar 2026.
- Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte – Brudnicka and Others v. Poland, Urteil vom 3. März 2005.
- Netflix – Offizielle Serienseite „Heweliusz“.
- Hej Mielec – Heweliusz: kapitanowa z Mielca, która walczyła o honor męża, November 2025.

